Von Geldsorgen und Poesiealben – Die Leiden der mittelmärkischen Kunstszene

Distanzierte Stippvisiten bei sechs Künstlern im Landkreis Potsdam-Mittelmark: Manche bangen um ihre Zukunft, andere haben Rücklagen. Erste Hilfen sind ausgezahlt.
Helena Davenport, Potsdamer Neueste Nachrichten, 06.04.2020 – Auszug

Künstlerin musste Ausstellungen absagen

Auch die Caputher Künstlerin Siegrid Müller-Holtz musste alle geplanten Ausstellungen absagen. Dabei wurden ihre Arbeiten schon verschickt, ins bulgarische Sofia, nach Shanghai, auch nach Bad Homburg. Das ganze Durcheinander habe aber auch einen angenehmen Nebeneffekt, sagt Müller-Holtz: Sie habe nun keine Termine und müsse auch keine Texte schreiben. „Ich kann mich voll und ganz auf meine Kunst konzentrieren“, sagt sie.

Und dies tue sie nun auch – ganz ohne Druck. Seit Dezember sammelt die Künstlerin über Ebay ältere Poesiealben von überall her, um sie zu bearbeiten. Die ältesten stammen aus dem Jahr 1850. Mitschüler oder Konfirmanden haben sich eingetragen – ab und zu tauche sie tief in das Persönliche, das sich in den Büchern verbirgt, ab, erzählt Müller-Holtz. Bei einigen Alben habe sie sich noch nicht getraut, sie zu verarbeiten. Zum Beispiel dann, wenn hinter dem Namen eines Freundes, der sich eingetragen hat, ein kleines Kreuz gezeichnet wurde. Gerade in Alben aus den Jahren von 1938 bis 1940 finde man öfter solche kleinen Kreuze, sagt Müller-Holtz.

15 Objekte sind in den vergangenen vier Monaten für die Serie „Buchfragmente“ in ihrem Atelier entstanden. Einen Förderantrag brauche sie nicht zu stellen, sagt die Künstlerin, die in dieser Woche ihren 72. Geburtstag begangen hat. Und selbst wenn ihr Geld zustünde, würde sie es nicht beantragen, weil sie es schlichtweg nicht benötige. Ein Problem sei für sie derzeit nur die gestörte Kommunikation. Wenn man nichts erlebe, könne man am Telefon auch nichts erzählen. Da bringe es nichts, wenn eine Freundin jeden Tag anruft. Den Kontakt von Angesicht zu Angesicht vermisse sie sehr.